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Sonntag, 4. August 2013, von Elmar Leimgruber

Musik für die Ewigkeit: Kammeroper “Der Marilyn Monroe Prozess” (Kritik)

Als 21-Jähriger war Roland Baumgartner bereits Leiter des Salzburger Musikschulwerks. Später setzte er sich in einem amerikanischen Kompositionswettbewerb sogar gegen seinen hochgeschätzten Mentor Leonard Bernstein durch und dirigierte die offizielle Musik zur 200-Jahrfeier der amerikanischen Verfassung in Anwesenheit des US-Präsidenten. In den letzten Jahren fand -neben Opernpremieren in Hof bei Bayreuth und Bamberg- letzthin in der Staatsoper Bratislava die umjubelte Premiere seiner neuesten Oper “Maria Theresia” statt.

Und dennoch ist Roland Baumgartner als Komponist in seiner Heimat Österreich selbst noch weitgehend unbekannt.

Sein allerneuestes Werk ist die Kammeroper “Der Marilyn Monroe Prozess”, welche seine Premiere zunächst bei den Festspielen in Kirchstetten (NÖ) feierte und anschließend im Wiener Pygmalion feierte.Ich kenne und schätze Roland Baumgartners Musik seit Jahren und glaubte, sie bislang vollständig zu kennen: bis jetzt. Und doch gibts -wie bei jedem Komponisten- selbstverständlich qualitative Unterschiede zwischen den einzelnen Werken. In bewegenden Zeiten und als Bewunderer der außergewöhnlich berührenden Musik der beiden genialen Komponisten des 20. Jahrhunderts Benjamin Britten und Dmitri Shostakovich und des beeindruckendsten Dirigenten dieser Zeit, Otto Klemperer, finde ich die Zeit reif für Musik, die nicht beruht oder in den Schlaf der Vergessenheit wiegt, sondern die aufweckt, mobilisiert, bewegt und erregt:

Roland Baumgartner  trifft mit seiner Kammeroper “Der Marilyn Monroe Prozess” (geschrieben für Streicherquartett und Stimmen) genau den Nerv den Zeit: Seine neue Musik lässt niemanden kalt, sondern wühlt auf, reißt mit und zieht den Zuschauer und Zuhörer, ob er will oder nicht, hinein in seinen Bann.

Ich gebe es zu: Marilyn Monroe war mir immer egal. Seit dieser Kammeroper von Roland Baumgartner hingegen habe ich das Gefühl, dass ich sie persönlich kenne und dass mir ihr Leben und ihr Schicksal daher nicht gleichgültig sein kann. Und dabei ist diese Kammeroper viele Jahrzehnte nach ihrem Tod -noch dazu im Weinviertel (nahe Wien)- angesetzt und tritt Marilyn selbst im Stück gar nicht auf. Vielmehr geht es im Stück um einen Gerichtsprozess, der entscheiden soll, ob mitten in der österreichischen “Provinz” eine Straße nach dieser “Sex-Ikone” benannt werden darf oder nicht.

Bei dieser an sich langweiligen Thematik musikalisch so eine Spannung und innere Auseinandersetzung mit dem Phänomen Marilyn Monroe zu schaffen, ist wahre Kunst: Mit dieser Kammeroper hat Roland Baumgartner ein musikalisches Niveau erreicht, das seinesgleichen zumeist vergeblich sucht: Seine neue Musik hat alles, ausnahmslos alles, was unsere heutige bewegte Zeit braucht: sie bietet nicht klare Antworten, sondern wirft Fragen auf und ermutigt dazu, bisher sicher Geglaubtes zu hinterfragen: genau das muss Kunst tun: wecken, aufrütteln, bewegen.

Für die Sänger ist Baumgartners Musik äußerst schwer zu bewältigen: Catarina Coresi Lal aber beweist mit ihrer leidenschaftlichen und präzisen Interpretation der Hauptrolle (Verteidigerin), dass sie wohl zu den talentiertesten dramatischen Sopranen der Gegenwart gehört. Till von Orlowsky agiert als souveräner Richter zwischen den Fronten und Elisabeth Wolfbauer setzt all ihre Energie schauspielerisch wie gesanglich dafür ein, als Staatsanwältin Anwältin und Beschützerin der “anständigen” Bürger und ihrer “heilen Welt” im Weinviertel zu sein.

In der Inszenierung und Regie von Pygmalion-Chef Geirun Tino werden die Zuschauer -ob sie wollen oder nicht- zu Geschworenen in diesem Prozess, was natürlich auch nach der Vorstellung weiter zu denken gibt. Großartig musiziert auch das Streichquartett (Paula Rahbari, Sivia Reiß, Sebastian Reiß, Julia Schöllauf) unter der professionellen Leitung von Andrija Pavlic.

Leider finden aktuelle keine Aufführungen der Kammeroper “Der Marilyn Monroe-Prozess” von Roland Baumgartner mehr statt, was ich sehr bedauere: Dieses Werk verdient -trotz oder vielleicht gerade wegen seiner “Intimität” wie kein zweites, auf den bedeutendsten (Opern)bühnen der Welt aufgeführt zu werden: Kunst darf heute nicht mehr harmlos dahintümpeln, sondern muss herausfordern: Diese Kammeroper ist eine Antwort auf die Zeichen der Zeit: Also wenn es wieder die Gelegenheit dazu gibt, sie anzuschaun: hingehn, staunen und sich bewegen lassen.

Montag, 29. April 2013, von Elmar Leimgruber

Agim Hushi: Ein Belcanto-Tenor mit “Amore Grande” – CD-Besprechung

Agim Hushi, in Albanien geborener Tenor und Professor für Sologesang (Oper) am Vienna Konservatorium, hat soeben eine Solo-CD veröffentlicht. Es ist ein musikalischer Hochgenuß, seiner angenehm gefühlvollen Stimme zu lauschen: Mit “Grande Amore” (so der Titel der CD), die bislang ausschließlich bei Gramola am Graben in Wien erhältlich und bestellbar ist, berührt Hushi die Herzen der Menschen. Und ich kann es nur so sagen: Hushi singt großartig und ich kann es kaum erwarten, an einem großen Opernkonzert mit ihm teilzunehmen.

Gleich 18 populäre Belcanto-Songs hat Agim Hushi mit dem bravourös musizierenden New Europe Symphony Orchestra unter der exzellenten Leitung von Andrija Pavlic (welcher auch die stimmigen musikalischen Arrangements durchführte), eingesungen auf und auf CD gepresst. Neben Welthits wie “O Sole Mio”, “Granada”, “Ti Voglio Tanto Bene”, “Passione”, “Voce E Notte” (mein persönlicher Favorit auf der CD) und “Un Amore Cosi Grande” ist auch eine romantische Eigenkomposition Agim Hushis, “Song Of The Night”, zu hören.


Hier können Sie sich selbst einen Eindruck von der Gesangs-Kunst Agim Hushis verschaffen:

Audiofile: “Tristezza” (in voller Länge aus der aktuellen CD “Amore Grande”) gesungen von Agim Hushi.

Hier ist Agim Hushi mit “Nessun Dorma” in einem Livemitschnitt zu sehen und zu hören:

Und hier erleben Sie den großen Tenor in weiteren Video-Livemitschnitten.

Die in Sofia entstandene Produktion hängt zwar klanglich leider anderen Aufnahmen hinterher, die großartige, und heute -weltweit betrachtet- einmalige Stimme von Hushi macht jedoch alles wieder gut, was bei der Aufnahme selbst tontechnisch leider vernachlässigt wurde. Agim Hushi kommt -im Gegensatz zu manchen aktuell noch bekannteren, jedoch meines Erachtens weitaus weniger talentierten Sängern- aus keiner Casting-Show, sondern ist ausgebildeter “Handwerker” seines Fachs: Opernsänger und -pädagoge: Nach dem Abschluss seines Literatur- und Psychologie-Studiums studierte er an der Musikakademie in Tirana und schloss diese 1991 mit Auszeichnung ab. Noch in der Saison 1991/1992 übernahm er die Hauptrollen in den Opern “Tosca”, “Cavalleria Rusticana” und “Il Trovatore” an der Albanischen Staatsoper. An der Musikakademie in Budapest spezialisierte er sich anschließend auf das Fach Gesang-Pädagogik, woraufhin er auch an der Staatsoper Budapest Hauptrollen in “Manon Lescout”, “Turandot” und “Il Tabarro” übernahm.

1997 begann Agim Hushi seine Karriere in Australien in der Staatsoper in Adelaide, wo er unter der Leitung von Maestro Richard Bonynge in der Rolle des Des Grieux in der Oper “Manon Lescaut” debütierte. Nach diesem Erfolg wurde er sofort in der Oper in Sydney engagiert, wo seine nochmalige Rolle als Des Grieux sehr entuhsiastisch aufgenommen wurde und die Kritiker verglichen ihn mit dem legenderen Tenor Beniamino Gigli.

1999 bekam er von der australischen Regierung ein Staats-Stipendium für ein Belcanto-Meisterkurs beim Franco Corelli in Mailand. Die australische Jane Potter Stiftung zeichnete Agim Hushi 1999 mit dem Hauptpreis für außergewöhnliche Leistungen auf dem Gebiet Oper aus und im Jahre 2000 ernannte ihn der australische Premierminister zum Künstler des Jahres 2000.

Zu hören ist Agim Hushi zudem auf der 2010 bei Virgin/EMI veröffentlichten CD “Il Bel Sogno” der  berühmten albanischen Sopranistin Inva Mula und dem Philharmonie-Orchester aus Zagreb (Kroatien).

Agim Hushi sang bereits in folgenden Staaten: Australien, Neuseeland, USA, Malaysia, Brunei, Singapur, Dubai, Ungarn, Deutschland, Russland, Slovenien, Mazedonien, Kosovo, Kroatien, Tschechien, Rumänien, Bulgarien, Frankreich, Griechenland, Zypern, Dänemark, Italien, Spanien, England, Schweiz, Albanien und Österreich. Er ist auch Gründer der Belcanto-Schule in Adelaide in Australien, war angestellt als Pädagoge an der Staatlichen Universität in Singapur und führte zahlreiche Meisterkurse in vielen Orten auf der Welt, darunter Santa Cecilia in Rom und Ecole Normale in Paris, durch. Heute unterrichtet er am Vienna Konservatorium Operngesang.

Freitag, 2. November 2012, von Elmar Leimgruber

“MYSTICA” von magnam gloriam belebt den Weihnachts-Musikmarkt


Winter und Weihnachten können kommen: Pünktlich zur kalten Jahreszeit ist am 31. Oktober  das dazu passende Musikalbum erschienen: “Mystica” von magnam gloriam: 20 mystische-wärmende Songs (mit einer Gesamtlänge von weit über 84 Minuten Laufzeit) für die kalte Jahreszeit erfreuen und erheben das Herz. Bereits vorab war Schuberts “Ave Maria” (in drei mystischen Neu-Arrangements und mit “Wachet Auf” als Bonus-Track) als Single erschienen.

Unter anderem mit vertreten auf “Mystica” aus dem jungen Wiener Musiklabel elmadonmusic sind  besinnliche keltische Klassiker (z.B. “Amazing Grace”, “Auld Lang Syne”, “Greensleeves”…) genauso wie historische XMas-Songs (z.B.: “Oh Holy Night”, “Es ist ein Ros entsprungen, “Adeste Fideles”…) und klassische Werken (z.B.: “Klavierkonzert von Grieg, “Orgel-Symphonie” von Saint-Saens, “Gloria” von Vivaldi, “Benedictus” von Gounod, “Sanctus” von “Schubert”…): und dies alles in erhebenden Neuarrangements.


Musikalisch vielschichtig und ganz anders trumpft elmadon (ebenfalls aus dem Hause elmadonmusic) auf: Nach dem Weihnachtsong “Kind” im vergangenen Winter auf zwei Singles erscheinen in diesen Tagen gleich zwei neue Singles: “O du Fröhliche” kommt rechtzeitig vor Weihnachten in 6 dancigen, trancigen und poppigen Versionen (+ dem Hit “Kind” als Bonus-Track) bereits am 4. November.

Und schon wenige Tage später (am 11.11.2012) folgt ein richtig bewegender von Sehnsucht getriebener Wintersong: in keltischem Stil: “Coming Home” in 6 Versionen (+ “Bozner Bergsteigermarsch”: “Wohl ist die Welt so groß und weit” als geheimnisvoll-mystischer Bonus-Track).

elmadonmusic wurde im Herbst 2009 in Wien gegründet und produziert und publiziert vor allem Mystic Trance, aber auch experimentelle elektronische, sowie Chillout und Lounge-Musik. Während magnam gloriam vor allem bestehende Werke aus der Klassik und aus dem Folk-Bereich neuarrangiert veröffentlicht, gibts bei elmadon mehr Dance-Floor: alles in allem aber unverwechselbare neue Musik. Meistverkaufter Song von elmadonmusic (Top 10) bislang (siehe Grafik) ist übrigens “Amacing Grace” (aus “Mystic Christmas”), gefolgt von “God Save The Queen” und “Eurovision Hymn”.

Im Winter 2012 erschien das gemeinsame Album “Mystic Christmas” und vergangenen Dezember erschien das gemeinsame Album “DJ X-Mas” von elmadon & magnam gloriam. Der Erfolg gibt dem aufsctrebenden Musiklabel elmadon Recht: Allein innerhalb eines Jahres wurden insgesamt 24 (!) Lizensierungen für Compilations von Fremdlabels beantragt und genehmigt.

Alle bislang veröffentlichten Songs seit der Gründung von elmadonmusic im Herbst 2009 sind übrigens unter anderem hier bei amazon (auch zum Reinhören) online zu finden. Eine Auswahl an Songs in voller Länge (teils Preview-Versionen) gibts hier bei SoundCloud. Und die elmadonmusic-Fanseite auf Facebook, wo immer wieder die neuesten Songs vorab präsentiert werden, ist ebenfalls online.

Alle bislang veröffentlichten Songs im Wiener Musiklabel elmadonmusic sind bei amazon, iTunes, virtuellen DJ-Shops und natürlich auch bei allen anderen wichtigen Musik-Download-Portalen weltweit erhältlich. Gespräche über einen zusätzlichen Vertrieb auch in realen CD-Geschäften und Elektromärkten werden aufgrund des großen Erfolges angedacht. Und hier können Sie in zahlreiche Songs von elmadon und von magnam gloriam kostenlos reinhören:

Sonntag, 23. September 2012, von Elmar Leimgruber

11. Oktober: Welturaufführung der Oper “Maria Theresia”

“Kaiserin Maria Theresia” Luisa Albrechtova mit ihrem “Gemahl Kaiser Franz” Oto Klein

Die neoromantische Oper “Maria Theresia”, über eine der prägendsten Persönlichkeiten der österreichisch-ungarischen Geschichte, erlebt am 11. Oktober 2012 um 19.00 Uhr im Nationaltheater Bratislava ihre Welturaufführung. Bereits am 14. Oktober 2012 folgt die zweite Premiere dieser Oper beim ARMEL Musikfestival in Sceget (Ungarn) mit TV-Aufzeichnung durch den Kultur-Kanal ARTE. Die zweite Aufführung in Bratislava wird am österreichischen Nationalfeiertag am 26. Oktober stattfinden.

Branco Ladic, Luisa Albrechtova, Roland Baumgartner, Adrian Hollaender, Oto Klein, Mauricio Vallina

Bei einer Präsentation in der historischen Ungarischen Botschaft in Wien am 18. September bekräftigte Botschafter Vince Szalay-Bobrovniczky seinen Wunsch, dass diese Oper auch in Budapest aufgeführt wird und begrüßte zahlreiche Ehrengäste, darunter ex-EU-Kommissar Franz Fischler, zahlreiche Botschafter, Prof. Rudolf Holtenau, den Pianisten Helmut Deutsch, die Geschäftsführerin der Donauphilharmonie, Agnes Catona, den Klaviervirtuosen Mauricio Vallina und Kammersänger Peter Dvorsky. Moderator des Abends war Adrian Hollaender.

Komponist Roland Baumgartner

Ausgebucht war der große historische Saal der Ungarischen Botschaft in Wien

“Das Zusammenleben der Völker und Kulturen ist ein Stück Leben” erklärte Baumgartner in seinen Erläuterungen zur Oper: “Das ist gelebte Europäische Union”. Er versuche Musik zu komponieren, welche die Herzen der Menschen erreicht: “Gefühle brauchen Harmonie”, auch in der Kunst, denn: “Ästhetik erreicht die Herzen”, so der Komponist.

Welturaufführung der Oper "Maria Theresia" von Roland Baumgartner und
Rainer Lewandowski

 Regie: Laco Adamik  Dirigent und musikalische Einstudierung: Paul
 Mauffray 

 Datum:   11.10.2012, um 19:00 Uhr
 Ort:     Bratislava-Pressburg Historisches Gebäude des
          Nationaltheaters Bratislava
          Pribinova 17, 81109 Staré Mesto, Slowakei
 Nähere Infos zum Leading-Team und zur Besetzung und Tickets gibts hier.
Pressekontakt: Elmar Leimgruber
Donnerstag, 10. Mai 2012, von Elmar Leimgruber

Start frei für die Wiener Festwochen 2012

Emmanuel Tjeknavorian
© ORF/Vadim Shults

Morgen ist es wieder so weit: Die 61. Wiener Festwochen werden am Rathausplatz eröffnet. Als Höhepunkt der Gala, die ab 21.20 Uhr in ORF 2 und 3sat live übertragen wird (sowie auch via http://TVthek.ORF.at als Live-Stream und Video-on-Demand verfügbar ist), steht das große Finale des zweijährlich stattfindenden Klassik-Nachwuchswettbewerbs „Eurovision Young Musicians“ auf dem Programm. Dieser feiert 2012 sein 30-jähriges Bestehen und findet heuer wieder mit österreichischer Teilnahme in Person des virtuosen 17-jährigen Geigers Emmanuel Tjeknavorian als einer von sieben vielversprechenden Finalisten statt.

Begleitet werden die sieben Finalisten aus Österreich, Deutschland, der Tschechischen Republik, Polen, Norwegen, Armenien und Weißrussland vom ORF-Radio-Symphonieorchester (RSO) unter der Leitung seines Chefdirigenten Cornelius Meister. Weiters wirken im Rahmen der Live-Eröffnungsgala, die der ORF als Host-Broadcaster mit insgesamt zehn Kameras überträgt (Regie: Karina Fibich), Mnozil Brass und Martin Grubinger, Multi-Percussionist und Moderator des Abends, solistisch mit. “European Young Musicians 2012″ ist eine Koproduktion von Europäischer Rundfunkunion (EBU), Wiener Festwochen und ORF.

Cate Blanchett in “Groß und Klein”
© ORF/Wiener Festwochen/Lisa Tomasetti

Die 61. Wiener Festwochen präsentieren mit ihren diesjährigen Produktionen eine zeitkritische und offenherzige Analyse der Gesellschaft von heute und deren Entwicklungen. Bis zum 17. Juni präsentiert das traditionelle Wiener Kulturfestival an mehr als 30 verschiedenen Spielstätten insgesamt 36 aufsehenerregende internationale wie heimische Produktionen aus den Sparten Theater, Musik, Performance, Tanz und Film zu den Themen „Anatomie der Krise“ und  „Blick-Verschärfung”.

Zehn Uraufführungen und zehn Auftragswerke stehen auf dem Programm des fünfwöchigen Festivals. Peter Handke, Ulrich Seidl und Paulus Hochgatterer sind unter anderen die Masterminds der Uraufführungen. Zu den internationalen Gästen zählen Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett (siehe Foto) in Botho Strauß’ „Groß und Klein“ und Ariane Mnouchkine mit ihrem „Théâtre du Soleil“. Der britische Dramatiker Simon Stephens zeigt mit dem Theaterthriller „Three Kingdoms“ eine Österreichpremiere.

Mit Spannung erwartet wird auch die Oper „La Traviata“, mit der die Wiener Festwochen ihre Verdi-Trilogie fortsetzen. Die britische Starregisseurin Deborah Warner inszeniert, die junge und mit internationalen Preisen (u. a. beim Belvedere-Wettbewerb und Placido Domingos „Operalia“) ausgezeichnete moldawische Sopranistin Irina Lungu gibt die Violetta.

Jungfinalisten: Eivind Holtsmark; Alexandra Dzenisenia; Emmanuel Tjeknavorian; Narek Kazazyan; Jagoda Krzeminska; Dominic Chamot; Michaela Spacková
© ORF/Günther Pichlkostner

Das „Quartett“ ist ein neues Werk des italienischen Komponisten Luca Francesconi in der Mailänder Inszenierung von Àlex Ollé, einem der fantasievollen Mitbegründer der katalanischen Theatergruppe „La Fura dels Baus“. Mit den beiden Opernschöpfungen versuchen die Wiener Festwochen neuerlich eine Verbindung zwischen den Epochen herzustellen, um damit unsere moderne Zeit aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten.

Auch der ORF widemet sich den Wiener Festwochen: Nach einer bereits am 6. Mai gesendeten Doku über 30 Jahre „Eurovision Young Musicians“, der bevorstehenden Live-Eröffnung am morgigen 11. Mai und umfassender aktueller TV-Kulturberichterstattung in den Monaten Mai und Juni präsentiert ORF 2 am 13. Mai, um 10.15 Uhr als Festivalüberblick eine weitere Doku mit dem Titel „Blick-Verschärfung: Die Wiener Festwochen 2012“ (um 17.40 Uhr auch in ORF III Kultur und Information). Außerdem setzt der „Kulturmontag“ am 14. Mai, um 23.15 Uhr, einen Festwochen-Schwerpunkt. Ö1 berichtet ebenfalls aktuell und präsentiert in den nächsten Wochen nicht weniger als 19 Festwochenkonzerte. FM4 gibt mit regelmäßigen Festwochen-Tipps on air und online einen Überblick über die interessantesten Produktionen. Und auch in der aktuellen Kulturberichterstattung der ORF-Landesstudios, von ORF.at und ORF TELETEXT (Seite 415) sind die Wiener Festwochen 2012 zentrales Thema.

Dienstag, 10. April 2012, von Elmar Leimgruber

NÖ-Tonkünstler glänzen unter Christopher Hogwood

Wenn DER Pionier der historischen Aufführungspraxis, der englische Musikwissenschaftler und Dirigent Christopher Hogwood (leider viel zu selten) zu Gast in Österreich ist, dann darf ich nicht fehlen. Längst schon hat er auch die musikalischen Grenzen des Barock durchbrochen und mit seiner Academy of Ancient Music (von ihm 1973 gegründet) nicht nur mit der Wiener Klassik Referenz-Gesamtaufnahmen der Symphonien Ludwig van Beethovens und Mozarts veröffentlicht, sondern auch romantische Werke interpretiert und vor einigen Jahren mit dem Kammerorchester Basel auch Werke des 20. Jahrhunderts eingespielt.

Am Ostersonntag dirigierte Christopher Hogwood das NÖ Tonkünstler Orchester auf Schloss Grafenegg in Niederösterreich. Am Programm standen die Symphonie “La Passione” (Hob. I: 49) von Joseph Haydn und die Messe in C-Moll (KV 427/Bearbeitung: Helmut Eder) von Wolfgang Amadeus Mozart.   Die beiden Sopransolistinnen Camilla Tilling und Iano Tamar waren genauso wie der Bariton Mathias Hausmann hervorragend in der Interpretation, was man vom Tenor Daniel Behle bedauerlicherweise nicht nicht behaupten kann: er sang viel zu unsicher, zu leise und zu gequält, was -bei dessen doch ansehnlicher Musikbiografie- an diesem Abend wohl auf mangelnde Vorbereitung schließen lässt.

Eine gewaltige musikalische Wucht im positiven Sinn hat der in Österreich weniger bekannte (aber bereits von Karajan eingesetzte) Tölzer Knabenchor (Leitung: Gerhard Schmidt-Gaden) zu bieten, was er auch an diesem Abend glaubhaft unter Beweis stellte. Christopher Hogwood dirigierte mit viel Emotion und Präzision: eine edle Kombination, welche leider die wenigsten Dirigenten beherrschen. Leider aber gingen die NÖ Tonkünstler, die sicherlich großes musikalisches Potential haben, etwas zu wenig mit seinen musikalischen Visionen der Werke Haydns und Mozarts ein, was besonders in der Dynamik, speziell im zwar teils notwendigen, aber da fehlenden piano (es gibt nicht nur forte!) hörbar wurde. Und dennoch haben neben den Tölzer Sängerknaben auch die Tonkünstler an diesem Ostersonntag mehrmals (besonders beim Gloria der Mozartmesse) Gänsehaut bei mir ausgelöst: Ich liebe es, wenn mich Musik zuinnerst tief berührt.

Und mir gefällt nach wie vor mein bereits während des Osterkonzerts aufkommender Gedanke sehr: wie wäre es, könnte Hogwood viel öfter und vor allem intensiver mit den Tonkünstlern arbeiten. Das ist zwar nicht sehr realistisch, da Hogwood sehr viel zwischen London, Bonn, Zürich und sonstwo dirigiert, was sicherlich auch reizvoll ist. Aber -vorausgesetzt, die Tonkünstler und er wären dazu ernsthaft bereit -das wäre nach meiner Einschätzung großartig: zwar eine Herausforderung für beide, aber eine lohnende: für das Orchester, für Hogwood, das Management und natürlich auch für das Publikum.

In Grafenegg gibts übrigens auch heuer wieder mit den NÖ-Tonkünstlern den beliebten Musiksommer mit der traditionellen vom ORF übertragenen Sommernachtsgala und anschließend das Musikfestival. Ansonsten sind die Tonkünstler neben Grafenegg auch in St. Pölten und im Wiener Musikverein live zu erleben.

Montag, 2. April 2012, von Elmar Leimgruber

So klingt Osterklang: Christus am Ölberg Wien

Camilla Nylund, Philippe Jordan, Johan Botha und Gerald Finley

Dem kirchlichen Aufführungsverbot von Opern in der Fastenzeit haben wir es zu verdanken, dass uns wenigstens ein Oratorium Ludwig van Beethovens erhalten geblieben ist: “Christus am Ölberge”, welches Beethoven (Libretto: Franz Xaver Huber) anlässlich seiner Ernennung zum Hauskomponisten des Theaters an der Wien im April 1803 zusammen mit seiner zweiten Symphonie dirigierte. Eben diese beiden Werke standen am Eröffnungstag des diesjährigen Wiener Osterklangs am 31. März 2012 erneut am Programm. Solisten waren Johan Botha als Christus, Gerald Finley als Petrus und Camilla Nylund als Seraph. Philippe Jordan dirigierte den Arnold Schoenberg Chor und die Wiener Philharmoniker.

Auch wenn Beethoven höchstpersönlich seine zweite Symphonie in Kombination mit seinem einzigen Oratorium aufführte, halte ich diese für seine schwächste Symphonie und hätte ich mich über die Kombination “Christus am Ölberge” und seiner dritten, der Heldensymphonie -welche meines Erachtens gerade aufgrund ihrer Dramatik noch besser dazu passen würde- mehr gefreut.

Die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Philippe Jordan interpretieren Beethovens zweite Symphonie

Es gibt Dirigenten mit Charisma und es gibt welche ohne dieses. Der erst 37-jährige Philippe Jordan, der designierte neue Chefdirigent der Wiener Symphoniker, ist zweifelsohne einer der begnadedsten Dirigenten der jüngeren Generation. Dies hat er bei diesem Passions-Konzert im Theater an der Wien auch dadurch bewiesen, dass die Philharmoniker großteils auf ihn sahen und hörten, wenn auch möglicherweise eine Probe mehr sicherlich nicht geschadet hätte, um noch intensiver auszudrücken, was der Dirigent bei Beethovens Musik vollkommen zu Recht zuinnerst fühlte. Musik muss man spüren und dies ist im guten Sinne ansteckend.

Johan Botha schätze und verehre ich seit Jahren außerordentlich, er ist für mich DER Heldentenor der Gegenwart, habe ich ihn doch über Jahre hindurch in verschiedensten Rollen exzellent erlebt: erstmals als Rodolfo (“La Boheme”)  in der Wiener Volksoper, als “Lohengrin” in Paris unter Daniel Barenboim, als Florestan (“Fidelio”) in der Wiener Staatsoper. Umso mehr war ich gespannt, ob er “Jesus” gewachsen ist. Und ja: Johan Botha interpretiert auch die sehr anspruchsvolle Rolle des Jesus in “Christus am Ölberge” großartig: zu Beginn zwar etwas zaghaft, aber dann doch mit großer, dem Stück entsprechender Passion.

Arnold Schoenberg Chor und Wiener Philharmoniker unter Philippe Jordan mit Gesangs-Solisten

Doch auch die anderen beiden Solisten, Gerald Finley und Camilla Nylund wurden ihrer Rolle (Petrus und Seraph) durchaus gerecht. Und es ist mir immer wieder eine Freude, den Arnold Schoenberg Chor (Leitung: Erwin Ortner) live zu erleben, so auch bei diesem Konzert: Das ein stimmliche Harmonie, die passt einfach. Alles in allem bin ich -trotz fehlenden Gänsehaut-Faktors- sehr begeistert von diesem Eröffnungskonzert des Osterklang 2012.

Weiters am Programm des Osterklang stehen am 2. April “Les Contes D’Hoffmann” von Jacques Offenbach, am 3. April die “Johannes-Passion” vonJohann Sebastian Bach, am 4. April “La Cena del Signore” von Johann Joseph Fux, am 5. April “Les Reves et des Pleurs” (Musik aus der Barockzeit), am 6. April die “Matthäus-Passion” von Johann Sebastian Bach, am 7. April “Lux Aeterna” von Györgi Ligeti und am 8. April “Frühling in Wien”. Unter den Interpreten sind die Wiener Symphoniker, der Arnold Schoenberg Chor, Georges Pretre, Chorus Sine Nomine, Wiener Akademie, Jordi Savall, Martin Haselböck, Ian Bostridge, Stephen Layton, Kurt Streit und das Orchestra of the Age of Enlightment. Nähere Infos und Tickets sind online abrufbar.


 

 

Dienstag, 3. Januar 2012, von Elmar Leimgruber

Neujahrskonzert 2012: So muss Musik erklingen

Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker aus dem Wiener Musikverein
Foto: ORF/ Ali Schafler

Vorausgeschickt: Nein, es tut mir nicht leid, dass ich im vergangenen Jahr so manchen die musikalische Harmoniebedürftigkeit am 1. Jänner mit meiner harschen Kritik an Franz Welser-Möst verdorben habe. Welchen Sinn haben denn Kulturkritiken, welche einfach nur schleimend lobhudeln, weil es eben so sein muss, dass immer alle über das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker jubeln müssen, unabhängig davon, welche Qualität geboten wird?

Viel sinnvoller ist es doch wohl für alle -inklusive die Philharmoniker selbst- möglichst sachlich (wenn auch eine Kritik immer nur subjektiv sein kann) und durchdacht eine Kritik zu verfassen, die gegebenenfalls allen Beteiligten hilft, besser zu werden. Und dieses Anliegen verfolge ich hiermit auch mit meiner Kritik zum Neujahrskonzert 2012 unter Mariss Jansons. Doch zunächst ein paar Zahlen zum Event:

Die 54. ORF-Übertragung des “Konzerts der Konzerte” , des Neujahrskonzertes 2012 aus dem Goldenen Saal des Musikvereins, das zum zweiten Mal von Mariss Jansons geleitet wurde, “erreichte mit durchschnittlich 1,063 Millionen Zuseherinnen und Zusehern den besten Wert seit 2006 – auch damals stand Jansons, der seine Rolle als Publikumsmagnet somit heuer bestätigte, am Dirigentenpult”, berichtet der ORF. Mit dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker starteten am 1. Jänner 2012 demnach bis zu 1.214.000 Österreicherinnen und Österreicher in ORF 2 beschwingt in das neue Jahr. Via ORF 2 waren bei Teil zwei des Neujahrskonzerts durchschnittlich 1,147 Millionen Zuseherinnen und Zuseher dabei, der nationale Marktanteil betrug laut ORF 61 Prozent. Dieses Neujahrskonzert wird am 6. Jänner 2012 um 10.00 Uhr auf ORF 2 wiederholt.

Mariss Jansons
Foto: ORF/Ali Schafler

Und nun zu meiner Kritik: Ich gebe es gern zu: Ich war positiv überrascht vom heurigen Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker unter Mariss Jansons: Sie können ja tatsächlich auch musizieren, nicht nur dahindreschen. Aber wie bei vielen Traditionsorchestern ist es auch bei den Wiener Philharmonikern: Am Dirgentenpult ernstgenommen wird nur eine wirkliche Persönlichkeit, die intellektuell und spirituell inspiriert in der Lage ist, Musikerinnen und Musiker zu Präzision und zu Höchstleistungen zu animieren.

Dies alles geht üblicherweise selbstverständlich nicht aktiv vor sich, sondern passiv. So manchen -auch international hochgejubelten- Dirigenten fehlt genau diese Persönlichkeit, sodass deren bestbezahlte Jobs und deren Bekanntheitsgrad vielfach mehr mit für die Musik schädlichen Beziehungen als mit tatsächlichem Talent  zusammenhängen dürfte.


Der diesjährige Dirigent des Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker, der Lette Mariss Jansons hingegen ist, wie dieses Konzertereignis eindrucksvoll bewies, eine starke Dirigentenpersönlichkeit, welche einfach “wirkt”. Die sicherlich intensive Probenarbeit hat sich bezahlt gemacht und siehe da: Plötzlich sind die Philharmoniker sogar beim Neujahrskonzert in der Lage, nicht nur beweisen zu wollen, dass sie laut spielen können, sondern dass sie sich auf Wunsch des Dirigenten und zum Wohle der Musik auch mal selbst zurücknehmen können: Dadurch kann die Musik der Strauss-Dynastie ihren Wiener Charme voll entfalten. So und nur so, wenn präzise mit Feingefühl musiziert wird, kann man sie auch in vollen Zügen genießen, was ja auch wieder zum Ruhm des Orchesters beiträgt.

Mariss Jansons
Foto: ORF/Ali Schafler

Unter Mariss Jansons spielt nicht nur jeder für sich sein Instrument, sondern  alle gemeinsam lassen sie die Musik erklingen, die das Herz erfreut und beseelt. Mit dem richtigen Dirigenten am Pult sind die Philharmoniker einfach das, wofür sie auch international bekannt sind: eines der besten Klangkörper der Welt.

Wenn hingegen jeder Musiker für sich bei einem Konzert sein eigenes Ding durchzieht, weil er die Musik ja kennt und vom Dirigenten weder Persönlichkeit noch ausreichendes Musikgespür hat, dann gibts sogar rhythmisch falsches musikalisches Chaos mit Instrumenten-Gedresche, was letztlich -mangels notwendiger musikalischer Herausforderung- letztlich auch dem Orchester selbst und seinem internationalen Ruf schadet.

Kirill Kourlaev und Maria Yakovleva (Wiener Staatsopernballet im Klimt-Outfit)
Foto: ORF/Günther Pichlkostner

Selten zuvor war auch die Zusammenstellung des Programms vielseitiger und abwechslungsreicher als bei diesem Neujahrskonzert. Und erstmals durfte heuer das Wiener Staasopernballett Ballett in den Ausstellungsräumen von Schloss Belvedere tanzen, wo Klimt und Schiele Jahr für Jahr für hohe Besucherzahlen sorgen.  Und es bewies auch heuer wieder sein großartiges Können. Der Italiener Davide Bombana war für die meisterhafte Choreographie verantwortlich, die exzellenten Kleider für das Ballett-Ensemble wurden von Christof Cremer kreiert.  Und großartig wie immer bei solchen Auftritten bewährten sich auch die Wiener Sängerknaben (was bei deren Tourneen leider nicht immer der Fall ist).

Das Neujahrskonzert 2013 der Wiener Philharmoniker wird wiederum der Wiener Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst geleitet: Manche Menschen wachsen ja durch ihr Amt, das sie bekleiden. Bleibt zu hoffen, dass dies auch bei Welser-Möst der Fall sein wird: Ich werde dem von ihm dirgierten Neujahrskonzert 2013 genauso aufmerksam und kitisch lauschen, wie seinem letzten und dem diesjährigen Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Und ich wünsche mir, ihm, und uns allen ein ebenso erfrischendes und wohltuendes Neujahrskonzert wie heuer auch im kommenden Jahr.

Und hier können Sie kostenlos in jeden Titel des Neujahrskonzertes 2012 reinhören:

Zum Vergleich seien meine Kritiken zum Neujahrskonzert 2010 (mit Georges Pretre) und zum Neujahrskonzert 2011 (mit Franz Welser-Möst) der Wiener Philharmoniker erwähnt. Und hier als Bonus für alle besonders Interessierten noch weitere Neujahrskonzerte (zum Anhören und Ansehen) im Vergleich und im Laufe der Zeit.

Dienstag, 11. Oktober 2011, von Elmar Leimgruber

Das Royal Concertgebouw Brass Ensemble brilliert live

Mehr zufällig als bewusst geplant entstand das Brass Ensemble des Royal Concertgebouw Orchestra (RCO) Amsterdam 2003, als erstmals keine USA-Tournee des gesamten Orchesters stattfand, man dort aber wenigstens die begehrten niederländischen Dozenten für Workshops in die Staaten einladen wollte.

Nachdem diese Meisterkurse für Blechbläser in Folge aber nicht nur in den USA, sondern auch in China, Japan, Deutschland , der Schweiz und England äußerst erfolgreich waren, beschlossen die Blechbläser des Royal Concertgebouw öfter gemeinsam aufzutreten und auch auf Tournee zu gehen. Und als solche waren sie auch in Südtirols Kulturhauptstadt Meran beim 10. Internationalen Brassfestival zu Gast.

Die 16 Musiker des RCO Brass Ensemble (je 4 Trompeten und Hörner, 3 Posaunen + Bassposaune, Tuba, 2 x Percussion, Dirigent) unter der Leitung von Theo Wolters live zu erleben, ist ein musikalischer Hochgenuss: Weder spielen sie “brav” und unscheinbar, noch besteht das Konzert aus einem einzigen Energieausbruch ohne Höhen und Tiefen. Im Gegenteil: diese Musiker verstehen es bestens, alle Facetten der Musik herauszukehren, die es gibt, was sich -je nach Werk- sowohl in den verschiedenen Tonfarben offenbart als auch in der Vielfalt nicht nur der Tempi, sondern auch in der Variation der Lautstärke, kurz: ein Bläserensemble, das man unbedingt mal live erleben sollte.

Noch selten habe ich Blechbläser sowohl so harmonisch wie auch bewegend musizieren sehen und hören. Theo Wolters ist offenbar musikalischer ein Magier, der seinen Bläsern nicht nur Höchstleistungen zutraut, sondern diese auch erfolgreich einfordert. Und der Solist des Abends, Fons Verspaandonk, der das Hornkonzert von Saverio Mercadante interpretierte, ist ein Genie an seinem Instrument, dem Horn: Hätte man ihn nicht live spielen gesehen, würde man eine solche technische Perfektion verbunden mit viel Soul nicht für möglich halten.

Das internationale Brassfestival, das heuer bereits zum 10. Mal in der ehemaligen Kaiserstadt Meran in Südtirol stattfindet, steht unter der künstlerischen Leitung von Alexander Veit. Die bedeutendsten Brass-Ensembles der Welt waren hier bereits zu Gast, darunter Empire Brass und Juvavum Brass, London Brass, bach-blech&blues, German Brass, Black Dyke Band, Fairey Breass Band, Blechschaden und Mnozil Brass. Das letzte diesjährige Konzert bestreitet Pro Brass unter der Leitung von Albert Lauss-Linhart am 15.10.2011 ebenfalls um 20.30 Uhr im Kursaal von Meran.

 

Freitag, 7. Oktober 2011, von Elmar Leimgruber

Philippe Jordan wird neuer Chefdirigent der Wiener Symphoniker

Der neue Chefdirigent der Wiener Symphoniker, Philippe Jordan
Foto: Andreas Ifkovits

Philippe Jordan wird ab der Saison 2014/2015 vorerst für fünf Jahre neuer Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Wiener Symphoniker, wie gestern Abend bekanntgegeben wurde. Bereits in der laufenden Saison 2011-12 wird das Wiener Traditionsorchester mit Jordan die traditionellen Konzerte zum Jahreswechsel im Wiener Konzerthaus bestreiten, im April 2012 folgen zwei weitere gemeinsame Auftritte im Musikverein Wien.

Nach seiner Tätigkeit als Assistent von Jeffrey Tate erlangte der 37-jährige gebürtige Schweizer vor allem durch sein Engagement an der Staatsoper Unter den Linden Berlin, wo er unter anderem als Assistent von Daniel Barenboim tätig war (1998 bis 2002) tätig war, internationale Bekanntheit. Ab der Spielzeit 2001/02 war er Chefdirigent des Grazer Philharmonischen Orchesters und des Grazer Opernhauses. Seit der Spielzeit 2009/10 ist er musikalischer Direktor der Opéra National de Paris. Zudem übernahm er ab der Spielzeit 2006/07 den Posten des Ersten Gastdirigenten an der Berliner Staatsoper Unter den Linden.

Philippe Jordan als Dirigent an der Pariser Oper
Foto: JF Leclercq

„Ich bin sehr glücklich, dass ich mich nun als Chefdirigent eng an dieses Orchester mit seinem enormen Potenzial binde. Für meine erste Saison an der Spitze der Wiener Symphoniker sind neun Abonnement-Programme mit jeweils zwei bis drei Konzerten in Wien sowie zwei Tournee-Projekte fix eingeplant. Die künstlerische Leitung des Konzertorchesters der Stadt Wien bildet eine ideale Ergänzung zu meinen Verpflichtungen als Musikdirektor an der Pariser Oper“, erklärte Philippe Jordan, der damit einen ersten Ausblick auf die zukünftige Arbeit mit dem Orchester bietet.

Die Wiener Symphoniker sind ein ausgezeichnetes Orhester, das den Vergleich mit weit bekannteren Orchestern, auch mit den Wiener Philharmonikern weltweit keinesfalls zu scheuen braucht. Aber fast alles liegt am Dirigenten:Exzellente Musiker brauchen kein Alibi-Hansl am Dirigentenpult, sondern einen Musikchef, der Talent, Begeisterung, Persönlichkeit und Mut zu Innovationen mitbringt, der sie fördert und fordert. Insofern wurde es höchste Zeit für Philippe Jordan als Chefdirigent und  künstlerischer Leiter der Wiener Symphoniker. Und das Orchester möge dankbar sein, dass dessen Vorgänger, der umstrittene Fabio Luisi (dessen Karriere in Österreich ich schon nicht nachvollziehen konnte und erst recht nicht seinen Gang an die MET), durch anderweitige Karrierepläne (und trotz seiner Verpflichtung als Chefdirigent bis 2013) nur mehr wenig Zeit mit ihnen verbringt: Farblose und inspirationslose Dirigenten (sogar mit internationalem Renommee) gibt es in Massen, Persönlichkeiten als Dirigenten nur sehr wenige (und diese sind die einzigen, die ein Orchester zu Glanzleistungen bringen können). Und ich gratuliere den Wiener Symphonikern (im Gegensatz zu den Wiener Philharmonikern, die sich bei ihrer Wahl bedauerlicherweise für den bequemen Weg entschiedenen haben) zu ihrem offensichtlichen Wunsch und Mut, besser werden zu wollen und dafür neue Herausforderungen gerne anzunehmen.