Neujahrskonzert 2011: Fehlbesetzung am Dirigentenpult

Franz Welser-Möst dirigiert die Wiener Philharmoniker
Foto: ORF/Ali Schafler

Es ist das musikalische TV-Highlight des Jahres und die musikalische Botschaft aus Wien an die ganze Welt: Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker: In etwa 70 Länder wurde das Event -zu dem ist es ja in den vergangen Jahren tatsächlich leider verkommen ist- übertragen. Bis zu 1,233.000 Zuseherinnen und Zuseher verfolgten laut ORF am 1. Jänner 2011, die 53. Übertragung des Neujahrskonzerts aus dem Wiener Musikverein im ORF. Via ORF 2 waren demnach bei Teil zwei des Konzerts durchschnittlich 1,169.000 Zuschauerinnen und Zuschauer dabei, der nationale Marktanteil betrug 65 Prozent.

Und am Dirigentenpult war beim Neujahrskonzert 2011 einer, dessen internationaler Erfolg mir- auch und vor allem nach diesem Konzert- vollkommen unerkärlich ist: Franz Welser-Möst.

Schon auf CD, DVD, Blue Ray und Download erhältlich: Das Neujahrskonzert 2011 der Wiener Philharmoniker unter Welser-Möst
Foto: DECCA

Zugegeben: ich war neugierig auf „sein“ Neujahrskonzert, vor allem, da seine bisherige musikalische Laufbahn ja durchaus beindruckend ist, ich aber niemals in seinen CD-Einspielungen auch nur annähernd was finden konnte, was diesen Hype rechtfertigen könnte. Aber Menschen verdienen immer neue Chancen, vor allem Künstler (Dirigenten, Komponisten, Regisseure, Schauspieler, Sänger, Maler, Autoren…) verdienen diese neuerlichen Gelegenheiten zu beweisen, dass sie wirklich Talent haben. Und ich hoffte innig, dass Welser-Möst, wenn er schon den -nach eigenen Angaben- musikalischen Nobelpreis erhalten würde durch die Möglichkeit, das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker zu dirigieren, vielleicht wirklich durch und in dieser Verantwortung wachsen würde. Leider war dem nicht so.

Man konnte im Gegenteil den Eindruck gewinnen, dass die hochehrwürdigen „starken Persönlichkeiten“ (Zitat Welser-Möst) der Wiener Philharmoniker so drauf los spielten, wie sie eben die Musik aus der Strauss-Zeit interpretieren, unabhängig davon, wer oder ob ob überhaupt da vorn jetzt einer am Dirigentenpult steht oder nicht. Kann man dies Welser-Möst vorwerfen? Oder liegt es an der Überheblichkeit der Musiker, wenn man als kritischer Zuschauer und Zuhörer diesen Eindruck gewinnen muss?

Tatsache ist allemal: Starke Persönlichkeiten brauchen eine stärkere Persönlichkeit, als sie selbst, sind am Dirigentenpult, sonst ist dieser Posten überflüssig. Und dies trifft bedauerlicherweise auf das Neujahrskonzert 2011 unter Franz Welser-Möst zu: Nur im TV hübsch anzukommen und als austauschbar oder gar als Statist oder Platzhalter am Dirigentenpult zu stehen, reicht nicht.

Welser-Möst selbste meinte ja in der vor dem Neujahrskonzert im ORF übertragenen Doku, dass es nur ganz wenige grosse Dirigenten gebe, keinen Mittelbau und dann eben die durchschnittlichen Dirigenten. Und da muss ich ihm zustimmen, ihm aber gleichzeitg -trotz seiner beindruckenden Karriere- absprechen, zu den grossen Dirigenten er Gegenwart zu gehören. Er dirigiert vollkommen austauschbar und teils sogar noch undifferenzierter als Dirigenten, die international niemand kennt. Diese Kritik trifft übrigens genauso auf vor weitere in Wien gehypte Dirigenten zu, die ich an dieser Stelle bewusst namentlich nicht nennen möchte. Und wirkliche Spezialisten, was die Strauss-Ära und die authentische Interpretation betrifft, die teilweise sogar aus Österreich sind, kommen -aus welchen Gründen auch immer- wohl niemals in diese erste Reihe.

Wie gerne erinnere ich mich hingegen an manche Neujahrskonzerte der vergangenen Jahre, beispielsweise mit Nikolaus Harnoncourt (der in früheren Jahren vielfach Musik „gedrescht“ hat, aber mit zunehmendem Alter auch musikalisch weiser und besonnener wurde), Lorin Maazel und besonders Carlos Kleiber, die mit Gespür und Persönlichkeit die Neujahrskonzerte dirigierten.

Ich wünschte mir am Dirigentenpult des Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker starke und gleichzeitig verständnisvolle Dirigentenpersönlichkeiten, die jene Musik, die sie hier dirigieren „müssen“, auch zumindest verstehen, wenn schon nicht lieben (an diesem Problem scheiterte wohl der ansonsten grossartige Daniel Barenboim vor zwei Jahren). Und auch wenn es wohl nicht im Sinne der Event-Kultur wäre, hier Experimente aufkommen zu lassen: ich bin trotzdem dafür:

Jedenfalls spannend wären sicher Neujahrskonzerte unter dem „verrückten Jazzer“ Roger Norrington, dem mystischen Jazzer Andre Previn, dem Energiepaket Christian Thielemann, dem ehemaligen Wiener Musikdirektor Claudio Abbado (aber bitte NICHT den Showman Riccardo Muti) oder dem impulsiven Jungstar Gustavo Dudamel. Oder warum nicht die Wiener Philharmoniker beim Neujahrskonzert wen Musik der Strauss-Dynastie dirigieren lassen, der diese Kultur im Blut hat, beispielsweise der begnadete Pianist Rudolf Buchbinder, der Vorarlberger Christoph Eberle (den die Philhamoniker auch schon lange kennen) und ganz besonders (und ich muss das wie vor einem Jahr erneut vorschlagen:) der gebürtige Wiener Alfred Eschewe (den die Philharmoniker ebenfalls bereits als ihren Dirigenten in der Staatsoper bei zahlreichen Opern kennen), der „immer schon“ Strauss dirigiert hat, und  zwar weitaus besser als so mancher -wie im Falle Welser-Möst- prominent und medial gehypte Dirigenten-Star.

Und hier können Sie in jeden Titel des Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst kostenlos reinhören:

Zum Vergleich sei meine Kritik zum Neujahrskonzert 2010 der Wiener Philharmoniker erwähnt. Und hier als Bonus für alle besonders Interessierten noch Neujahrskonzerte (zum Anhören und Ansehen) im Vergleich und im Laufe der Zeit.

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7 Antworten zu “Neujahrskonzert 2011: Fehlbesetzung am Dirigentenpult”

  1. marcel prawy2 sagt:

    Erst kürzlich las ich die kritischen Bemerkungen zum Neujahrskonzert 1011 unter Herrn Welser-Möst (bitte um Verständnis, dass ich ihn nicht als „Maestro“ tituliere) und möchte bitte sagen, dass ich grundsätzlich Ihrer Meinung bin.

    Ich war über 4 Jahrzehnte Musiker bei den Philharmonikern und habe schon viel gesehen. Ich kann nur bestätigen „SO etwas hätte es früher nicht gegeben…“:

    Auch nach meiner Pensionierung besteht ja nach wie vor ein gewisser Kontakt zum Orchester und somit habe ich einen etwas näheren Einblick in die inneren Struturen, als weiter außenstehende Menschen.

    Deswegen gestatte ich mir zu sagen, dass ich es nicht gut heißen kann, dass man einen derart uncharismatisch-„brav“ anmutenden Kapellmeister wie Herrn Welser Möst derart in den Himmel hebt, macht er auf mich doch hauptsächlich den Eindruck eines etwas einfallslosen Schülers und zudem wenig inspirierten „Musikbeamten“.

    Es gibt dagegen in der Tat genug großartige Künstler, unter deren Leitung man musikalisch sicher besser fahren würde.

    Obwohl solch langweilige Typen von der Mehrheit der Kollegen als Künstler keinesfalls sehr hoch geschätzt werden, verbleiben sie (seltsamer Weise besonders hier in Wien) doch auf ihrem Posten, denn Entscheidungen kommen ja ohnehin von (viel zu weit) oben und „da kann ma halt nix mach´n“. Diese Art von Dirigenten stört auch nicht zu sehr und man kann einfacher „seinen Dienst schieben“…

    Die wahren Künstler denken gewiss anders, denn Herr Welser Möst ist ja nicht bloß „einfacher Repertoire-Dirigent“, sondern bekleidet mittlerweile einen verantwortungsvollen und wichtigen Posten, wozu er mit seiner – wie ich meine – bescheiden amutenden Musikalität viel Glück benötigen wird, um ihm gerecht zu werden.

    Aber offensichtlich hat er wohl eine sehr starke Lobby hinter sich, die sich in der Musik nicht so gut auskennt. Dieses Glück hatte er ja anscheinend von Anfang seines Musikerlebens an und (mit Einblich in den Musikbetrieb) kann man sehen, dass er wohl nicht „durch die Sahara gehen mußte“, bevor er Karriere machte. Viel mehr scheint mir, dass er relativ einfach „hinauf gefallen“ ist.
    Ich hege persönlich natürlich keine Ressantiments gegen Herrn Welser Möst, jedoch ist es für meinen Geschmack vom künstlerischen Aspekt her einfach zu wenig, was er da allgemein zeigt. Aber eigentlich kann er nix dafür und weshalb sollte dieser Glückspilz einen schönen PopoPosten auch absagen? Bis auf London haben bisher alle „Großen“ seine Leistungen ohnehin akzeptiert.

    Ich meine, dass sich sowohl die wahrhaft demokratische Selbstverwaltung, als auch dieser gewisse „gemeinsame philharmoniche Geist“ der Philharmoniker im Vergleich zur Vergangenheit mittlerweile ziemlich verändert hat, zumal früher rein-künstlerische Aspekte sicherlich das primäre Anliegen waren. Ich habe den starken Eindruck, dass die Führung der Philharmoniker heute hauptsächlich auf das „Geschäft“ orientiert ist – viel mehr, als auf den „reinen philharmonischen Geist“.
    Der innere Konsenz ist längst eine Legende. Vor einigen Jahren hat es sich bezüglich der (legitimen und verbrieften) Selbstbestimmung auch gezeigt, dass der Verein von außen allzu leicht unter Druck zu setzen ist. Dies finde ich schade, denn es geht dem großartigen Orchester wirtschaftlich ja recht gut.

    Es scheint, dass viele Entscheidungsträger von heute gerne bei einem (Kultur)-politisch motivierten „Musikzirkus“ mitmachen, die Pfründe garantiert. An Visionen und Wissen mangelt es witgehend. In diesem Falle sehe ich das Problem, dass eine unreine Hand nunmal gerne die andere wäscht – dies war wohl auch eine ähnliche Politik, wie man sie viel zu lange mit dem ehemaligen Operndirektor ertragen mußte und den man trotz diverser seltsamer (geradezu diktatorisch anmutenden) Methoden gewähren ließ.
    Davon kann man auch einige philharmonische Verantwortliche nicht ausnehmen.

    Abschließend ersuche ich noch um Verständnis dafür, dass ich diesen Kommentar nicht unter meinem tatsächlichen Namen verfasst habe, mein Name ist jedoch nicht ganz unbekannt. Ich möchte dadurch gewisse Probleme vermeiden – denn wie heißt ein altes Wort?: „Sage die Wahrheit und man wird dir den Kopf einschlagen…“.

    Hochachtungsvoll

  2. […] ich im vergangenen Jahr so manchen die musikalische Harmoniebedürftigkeit am 1. Jänner mit meiner harschen Kritik an Franz Welser-Möst verdorben habe. Welchen Sinn haben denn Kulturkritiken, welche einfach nur schleimend lobhudeln, […]

  3. Änder Hatz, Luxemburg sagt:

    Ich gebe dem Rezensenten vollkommen Recht.
    Das enttäuschendste NJK seit Menschengedenken, programmtisch, interpretorisch und dirigentisch (sagt man so?).
    Was hätte mich das gewurmt, wäre ich dieses Jahr unter den „Glücklichen“ gewesen, der Eintrittskarten zu exhorbitanten Preisen „gewonnen“ hätte!
    Bitte, liebe Wiener Philharmoniker, bringen sie uns Alfred Eschwé, Nikolaus Harnoncourt, Mariss Jansons oder wen auch immer sie wollen, aber BITTE nicht mehr diesen FWM.
    Die Millionen Zuschauer/hörer werden es Ihnen zu danken wissen.
    Die CD 2011 wird in meiner bislang kompletten NJK-Sammlung fehlen.

  4. Monika Schicker sagt:

    In „Fehlbesetzung am Dirigentenpult“ schreibt der Rezensent vieles, was ich ganz genauso empfinde und beurteile. Die generelle Kritik an Welser-Möst kann ich zwar nicht nachvollziehen, dazu habe ich mich zu wenig mit ihm beschäftigt, aber was die Strauß-Musik betrifft: da ist er denkbar ungeeignet. Ich höre seit vielen Jahren immer wieder und immer aufmerksam zu, wenn Strauß gespielt wird, und da gibt es für mich keinen Zweifel, dass Alfred Eschwé der beste Strauß-Dirigent überhaupt ist, einen besseren können die Wiener Philharmoniker für das Neujahrskonzert derzeit nicht finden. Aber – auch hier muss ich dem obigen Rezensenten Recht geben – der Name Eschwé wird den Wiener Philharmonikern nicht „groß“ genug sein. Gehört denn so viel Mut dazu, einen erwiesen hervorragenden Strauß-Kenner und Strauß-Dirigenten für das NJK auszuwählen? Ich hingegen halte es für Klugheit – und es wäre ein Geschenk für Millionen Zuhörer auf der ganzen Welt.

  5. Markus Müller sagt:

    Ich war massloss enttäuscht über das am 1. Jänner gebotene. Ich wollte mir mal wieder – nach den CD’s von Claudio Abbado (beide NJK), dem „eigensinnigen“ Nikolaus Harnoncourt und derjenigen von Carlos Kleiber – eine Neujahrs-CD schenken. Die Erwartungen waren hoch an den Hochgelobten. Das Ergebnis trist!
    Das Konzert faszinierte nicht, es war, als ob jemand einfach sein Jacket und sich in Szene setzte. Leitete er das Orchester? Nein. Und ich dachte an die Aufnahmen von Claudo Abbado zurück – und fragte mich, ob er nicht noch einmal den Esprit rüberbringen möchte….
    Und wissen sie was? Als ich im 1999 in Wien war und Alfred Eschwe live hörte und sah, da war mein Gedanke – und seither immer wieder: warum nicht er? Er überzeugt und fasziniert und die Musik kommt so passend rüber. Aber die bornierten Philharmoniker werden dies nicht zulassen.

    Ein BRAVO dem Verfasser der obigen Kritik.

  6. beate jellmann sagt:

    Gratulation ! endlich traut sich jemand zu schreiben, was viele denken.
    Wenn bei anderen Kritiken noch versucht wird zu umschreiben, dass der Charme des Konzertes angeblich im Verborgenen liege so find ich es mutig auszusprechen, dass dieses Konzert einfach vom Dirgentpult aus charmebefreit war, weil ein Dirigent zu dem einem alles einfällt aber sicher nicht das Wort Charisma eben für diese Musik eine Fehlbesetzung ist.

    Ich weiss allerdings auch nicht für welche Musik dieser Taktstockhandwerker (und mehr ist er in meinen Augen und Ohren nicht) wirklich eine Idealbesetzung wäre.
    Ein künstlich gemachter Hype der auch mir vollkommen unverständlich ist.

    Beate Jellmann

  7. […] Neujahrskonzert 2011: Fehlbesetzung am Dirigentenpult « Elmar … […]

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