Bewegend, beengend und ergreifend: Dead Man Walking im Theater an der Wien

Wie lange habe ich mir schon eine solche Opernaufführung gewünscht: und jetzt gibt es sie: „Dead Man Walking“ im Theater an der Wien, bisher vor allem Musical-Veranstaltungsort.
„Toter Mann kommt“ sagt im prinzip schon aus, worum es geht: Ein wegen Doppelmordes im „humanen“ Nordamerika zum Tod Verurteilter wird hingerichtet. Die Oper basiert auf dem gleichnamigen autobiographischen Roman von Sister Helen Prejean, der auch dem oscar-gekrönten gleichnamigen Film „Dead Man Walking“ mit Tim Robbins als Regisseur und dessen Frau Susan Sarandon in der Rolle der Schwester Helen als Vorlage diente:
Zum Inhalt: Der zum Tod Verurteilte, aber ständig seine Unschuld Beteuernde will nach einem Briefwechsel mit Sr. Helen diese auch persönlich kennenlernen und sie nimmt entgegen allen Warnungen sein Angebot an.
Helen, die von seiner Schuld überzeugt ist, versucht den Häftling dazu zu bewegen, seine Schuld einzugestehen, um damit seinen Frieden zu finden. Doch dieser beteuert weiter seine Unschuld und verschließt sich der Schwester. Alle Hoffnung ruhen auf dem Begnadigungsausschuss und auf dem Gouverneur. Aber beiden lehnen das Gnadengesuch ab. Doch je näher der Tag der Hinrichtung naht, desto mehr scheint sich der Häftling der inzwischen an sich selbst verzweifelten Ordensschwester zu öffnen…
Zur Oper: Das Libretto von Terrence McNally ist sensationell, die Musik von Jake Heggie (die Gesamtaufnahme der Oper ist übrigens auf CD erhältlich) überwältigend ergeifend und mehr als nur passend zur Handlung; der Musikstil ist nur in manchen Stellen an Blues, Gospel und Rock’n Roll angelehnt; vielmehr fühlt man sich als Teilhaber im Publikum an Benjamin Britten erinnert, vor allem an dessen Oper Billy Budd.
Und während in vielen Opernhäusern die Darsteller -wenn überhaupt- nur durch ihre gute Stimme glänzen: in „Dead Man Walking“ im Theater an der Wien ist es glücklicherweise mal positiv anders: Kristine Jepson als Sr. Helen ist authentisch; sie berührt zutiefst in ihren Selbstzweifeln, John Packard als Häftling Joseph de Rocher überzeugt als gleichgültiger, aber auch als gebrochener Mensch, Peter Lobert spielt überzeugend den kalten Gefängnisdirektor und besonders sei auch noch Frederica von Stade als Mutter des Verurteilten hervorgehoben, wobei das gesamte Ensemble hervorragend gecastet ist und nicht besser sein könnte.
Großes Lob gebühren auch Nikolaus Lehnhoff für die sehr beklemmende und beengende und exzellent passende Inszenierung sowie der Dirigentin Sian Edwards mit dem Radio-Symphonieorchester Wien für die exzellente Darbietung.
Nicht wenige der Zuschauer im Parkett und in den Logen des Theaters an der Wien verließen übrigens in den Pause die Vorstellung und kamen nicht wieder: Ist schon bezeichnend, wenn anspruchsvolle Inhalte, mit denen man sich als Zuschauer beschäftigen müsste, dafür sorgen, dass man davor flüchtet, anstatt sich dem zu stellen: spricht für die Oper und gegen ein gewisses „ach sind wir nicht alle lieb und belanglos“-Publikum.

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